Der seltsame alternde Osten: Studie vergl. Dorfentwicklung

Hier kann alles rein, was im Grunde nix mit Crossen zu tun hat

Der seltsame alternde Osten: Studie vergl. Dorfentwicklung

Beitragvon jhmatz » 01.12.2011, 07:44

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Etliche der Älteren in Lunzig bewirtschaften noch immer ihre Äcker. Jugendliche Helfer sind rar geworden in dem kleinen Dorf zwischen Weida und Greiz. 27,8 Prozent der Lunziger sind 65 Jahre alt und älter. Foto: Jens Voigt

Eine Studie des Berlin-Instituts vergleicht Demografie und Dorfentwicklung im hessischen Vogelsbergkreis und im ostthüringischen Landkreis Greiz. Und kommt zum Befund, dass in Ostthüringen manche Regel eben nicht gilt.

Erfurt/Berlin. Dies sei kein neues, sondern ein junges Land im Kreis der 16 namens Bundesrepublik, beschied einst Alt-Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) jedem, der über Thüringen sprach und den Freistaat achtlos in die Reihe der "Neuen Länder" stellte.

Das war zwar historisch richtig, doch die gefühlte Vitalität des Ländchens war außerhalb seiner Zentren fast immer eine andere. Und ist es geblieben. 21 Jahre nach der DDR und gut 15 nach dem Wende-Aufschwung vergreist das junge Land. Am stärksten trifft es die kleinen und ganz kleinen Orte - Dörfer, denen teils das Aussterben einst verordnet wurde und die nun im freien Spiel der Marktkräfte die Jugend verlieren.

In Hessen Entwicklung wie im Lehrbuch
Eine neue Studie des Berlin-Instituts, unterstützt von der Stiftung Ettersberg und der Fachhochschule Erfurt, versucht die Umstände zu erklären, die zum Altern und Entleeren der Dörfer führen. Eine der spannendsten Passagen des gut 80-seitigen Papiers vergleicht den hessischen Vogelsbergkreis mit dem Landkreis Greiz in Ostthüringen. Beide sehr ländlich, kleinteilig, arm an Großunternehmen. Beide Kreise gehören zu den Regionen mit den massivsten Bevölkerungsverlusten in Ost und West. Zwischen den Jahren 2004 und 2010 verlor der Vogelsbergkreis sechs, der Landkreis Greiz sogar neun Prozent seiner Einwohner. Bis 2025 soll laut Prognosen der Kreis an der Weißen Elster noch ein Viertel seiner Köpfe verlieren - und damit wohl auch einige seiner kleinen Dörfer.

In Vogelsbergkreis verläuft die Entwicklung dabei wie im Lehrbuch: Kleinere Orte verlieren tendenziell stärker Bevölkerung als größere und solche, die weiter von städtischen Zentren und von Infrastruktureinrichtungen entfernt liegen, schrumpfen stärker als Dörfer in deren Nähe. Damit zeichnet sich ein Konzentrationsprozess der Bevölkerung auf größere und zentraler gelegene Orte ab, wie er überall dort in Deutschland zu beobachten ist, wo die Einwohnerzahlen sinken.

In Ostthüringen, so der Befund, ticken die Uhren anders. Und manchmal unerklärlich. Hier wirken noch immer die Verwerfungen der Wendezeit nach: Einerseits sind durch den Zusammenbruch ganzer Branchen zwischen 1991 und 2009 fast 40 Prozent der ursprünglichen Arbeitsplätze verloren gegangen und vor allem junge Leute mangels Lehrstellen oder Jobs fortgezogen. Andererseits war es erst nach der Wende möglich, Neubausiedlungen auf der grünen Wiese zu errichten. Manche Orte haben dadurch neue Bewohner angezogen, verfügen heute noch über eine vergleichsweise junge Bevölkerung und dürften vorerst stabil bleiben.

Ergänzt durch die teils extreme Kleinteiligkeit - fast 200 der insgesamt 233 Orte zählen unter 500 Einwohner, rund 150 sogar unter 250 - ergeben sich vor dem Grundstrom der generellen Bevölkerungsentwicklung teils extreme Unterschiede. Der Weiler Nattermühle bei Steinsdorf etwa verlor zwischen 2004 und 2009 satte 88 Prozent seiner Einwohner und zählte nur noch neun Köpfe. Der Grund: Das dortige Asylbewerberheim war geschlossen worden.

Weite Spanne bei Einwohner-Entwicklung
Doch auch ohne solche Sonderfälle bleibt die Spanne weit: von 29 Prozent minus in Eubenberg (Gemeinde Vogtländisches Oberland) bis zu 41 Prozent plus in Kleindraxdorf (Gemeinde Hohenölsen), das offensichtlich von einem attraktiven Neubaugebiet profitierte.

Die Berliner Forscher haben nicht nur Statistiken gelesen, sondern auch 196 der Dörfer um Greiz und Gera besucht. Dabei fanden sie noch einen erheblichen Unterschied zum hessischen Fall: Viele Dörfer sind auch in Sachen Infrastruktur arm dran. Lediglich in 14 Orten fand sich noch ein Einzelhändler, Bäcker oder Fleischer gab es in gerade 51 Dörfern, Gaststätten, Sport- oder Kultureinrichtungen nur in rund einem Drittel der Orte.

Allerdings: Ein direkter Zusammenhang zur Bevölkerungsentwicklung - nach dem Motto "Ohne Kneipe keine Kinder" - lässt sich zwar in Hessen, aber nicht in Thüringen nachweisen. Was möglicherweise daran liegt, dass in der Nachbarschaft das gut zu finden ist, was man gerade braucht. So befinden sich durchschnittlich 40 Restaurants und etwa zehn Bankfilialen im Einzugsgebiet jedes Vogtland-Dorfs - eine mehrfach dichter gewebte Infrastruktur als im Vogelsbergkreis.

Wie sich das anfühlt, vermittelt zum Beispiel ein Blick nach Lunzig. 27,8 Prozent der 162 Einwohner waren dort Ende 2010 im Rentenalter, hat das Landesamt für Statistik ermittelt. Damit führt der Ort zwar nicht mehr die Landesliste der ältesten Einwohnerschaften an wie noch 2001, hat aber trotzdem gut 30 Bewohner seither verloren.

Dabei hat das Straßendorf Charme. Die Leubatalsperre zu Füßen, waldige Hügel, einen privat geführten Botanischen Garten, sogar einen Gasthof, geführt vom Bürgermeister. Der gern darauf verweist, dass man eigens Wohnraum geschaffen hat für junge Leute im alten Rittergut und fast keine Erwerbslosen zähle. Was dazu führt, dass Bürgerarbeits- oder sonstwie geförderte Stellen im Ort mit Leuten von außerhalb besetzt werden müssen.

Was auffällt: Lunzig hat viele, sehr alte Bürger und ein gutes Dutzend im Alter bis 20, die kahle Stelle im Lebensbaum sitzt in der Mitte: Die Generation zwischen 40 und 60. Ein Phänomen, das sich auch bei anderen Alt-Gemeinden zeigt. Kundige nennen es den "LPG-Knick": Im Zuge der "Kollektivierung der Landwirtschaft" zog es zwischen 1960 und 1965 die jungen Leute weg aus den kleinen Bauerndörfern, entweder in die Industrie oder zu den Agrarbetrieben der "Zentraldörfer", die mit Neubauwohnungen, Schulen, Konsum und Kulturhaus lockten, während die kleinen Orte Stück um Stück abgekoppelt wurden vom allseits besseren Leben im Sozialismus. "Aussterbedörfer" hieß das; ein Lunziger Rentner kann sich noch erinnern: "Sieben Kategorien mit noch einmal gesonderten Abstufungen gab es." Lunzig war Abteilung 7c - ganz unten also.

Es sind die unscheinbaren Dinge, die den Trend spüren lassen: Die Schwarzen Bretter, die kaum anderes verkünden als amtliche Verlautbarungen. Der Tanz, der nur noch in den Nachbarorten stattfindet. Die Läden, die erst schließen und dann als rollende Shops wiederkehren, mit freilich limitiertem Angebot. Der Bus, der seltener kommt oder gar nicht mehr. Eine Stille, die ungestört bleibt von Mopedlärm und Popmusik: In zwölf Dörfern rund um Greiz gab es 2010 kein einziges Kind unter sechs Jahren.

Nähe zu Gera bedeutet eher Schrumpfung
Noch etwas ist anders in der Region im Vergleich zu ihrem hessischen Pendant: Die Nähe zur nächsten Großstadt hilft den kleinen Orten auch nicht, Attraktivität und Bindungskraft zu entwickeln. Viele Dörfer im Umland von Gera, die nach der Wende zunächst zulegten, verlieren anhaltend an Einwohnern. "Die Nähe zu Gera bedeutet eher Schrumpfung als Wachstum", formulieren die Autoren der Studie harsch und erklären das mit der problematischen Situation von Gera selbst, das sich - anders als Erfurt oder Jena - nicht als neuer wirtschaftlicher Motor der Region etablieren konnte.

Unterm Strich zerlegt die Studie zwei lange und teils noch immer gepflegte Leitlinien der Politik: Weder die möglichst allumfassende Durchkreuzung des ländlichen Raums mit Fernstraßen noch die künstliche Beatmung mit Sport- oder Kultureinrichtungen wie den allseits beliebten Dorfgemeinschaftshäusern helfen der Ortsentwicklung merklich und langfristig auf die Sprünge.

Einigergemaßen belegen lassen sich indes zwei Zusammenhänge auch im Landkreis Greiz: Wo es viele aktive Vereine gibt, schrumpft die Bevölkerung deutlich weniger. Und Orte, die von den Berliner Besuchern mit Bestnoten in Sachen landschaftlicher Einbettung bedacht wurden, zeigen im Schnitt sogar eine Zunahme.

Nur hat die Politik auf beides fast keinen Einfluss.


Jens Voigt / 01.12.11 / OTZ
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